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Auf der Haute Route von Barcelona nach Biarritz: Ich weiß jetzt, wie es ist, eins zu sein mit der Luft, der Erde, dem Licht und meinem Kreislauf. Ich kenne die Gewissheit, alles haben zu können, aber nur jetzt.

Von Ralf Bönt

Vor dem Col du Port de Balès, dem zweiten Berg am dritten Tag, hatte die Rennleitung eindringlich gewarnt: Der 19 Kilometer lange Anstieg sei zwar im unteren Bereich mit durchschnittlich vier bis fünf Prozent Steigung noch relativ freundlich. Die letzten vier Kilometer hätten jedoch im Durchschnitt zehn Prozent, was ihn zum echten Beinebrecher mache! Man empfahl, die vierzig flachen Kilometer vor dem Anstieg locker zu bleiben, schließlich ging es auf den insgesamt 120 Tageskilometern vorher über den Col du Portillon und hinterher, nach dem Passieren des eher zum Träumen einladenden Städtchens Luchon, noch ins Skiresort Superbagnères: Alles andere als eine Kleinigkeit, aber das schien mir machbar, nachdem die ersten beiden Tage meiner Bewährungstour erstaunlich gut verlaufen waren. Das linke Knie hielt nicht nur, es muckte nicht einmal. Und von den Krämpfen, die ich letztes Jahr auf langen Strecken immer bekommen hatte, gab es nicht mal einen Anflug. Offenbar hatte sich das monatelange Herumprobieren mit verschieden stark gesalzenen Apfelschorlen und diversen Tablettchen gelohnt. Oder die 5000 im Flachen gefahrenen Kilometer, viele davon im Windschatten meines Berliner Teamkollgen Ingo Pott, halfen doch mehr als gedacht.

Den eklatanten Schlafmangel, den Nervosität, Hitze und mein spanischer Zimmernachbar verursachten, der es nicht gewohnt war, vor zwei Uhr nachts zur Ruhe zu kommen, hatte ich weggesteckt. Und sogar das Leihrad, das nicht wie ausgemacht eine 28er Kassette hatte, also ein größtes Ritzel mit 28 Zähnen, sondern nur eines mit 25, gefiel trotz hohen Gewichts. Dabei ist diese Ausstattung beim „höchsten und härtesten Radrennen der Welt“, wie der Veranstalter es vermarktet, nur etwas für Angeber oder Deppen. Auch wenn die vielen 32er Ritzel manchem im Feld ein Lächeln abrangen, weil er selbst 28 oder doch eher 29 aufgelegt hatte: Einen zweiten Idioten mit 25 habe ich nicht gesehen.

Im Radsport dominiert die Rede von der Qual. Stolz und Würde des Radsportlers ist die Leidensfähigkeit, ihre Quintessenz ist der Spruch, mit dem Udo Bölts einst seinen Kapitän Jan Ullrich zum Toursieg trieb: „Quäl dich, du Sau!“ Strava, das Facebook der Ausdauersportler, wirft für Kunden der Premiumklasse einen Leidensindex aus. Auch die Haute Route geht ganz in dieser Rhetorik auf. Als extremes Radrennen für Freizeitpedaleure ging sie vor zwei Jahren an den Start, um mit einem Profil, das jede Tour de France toppte, in einer Woche über nichts als schwere Berge von Genf nach Nizza zu führen. Erschöpfung war ihr großes Versprechen. Und obwohl gleich die erste Auflage einen Fahrer das Leben kostete, waren die zweite und dritte schnell ausverkauft.

In diesem Jahr hat der Veranstalter nun auch ein Etappenrennen in den Pyrenäen ausgeschrieben. In sieben Tagen von Barcelona nach Biarritz, über 750 Kilometer und 18 000 Höhenmeter: Das sprach mich an, obwohl ich der Übertreibung wenig abgewinnen kann. Im Gegenteil. Radsport ist für mich ideal, weil er das Maß zu halten lehrt. Wie viele Kollegen meines Alters, ich bin Jahrgang 1963, kam ich durch einen gesundheitlichen Einbruch zum Radsport. Ich wollte die Kommunikation mit meinem Körper neu aufnehmen. Ullrich war damals auf allen Kanälen, und so holte ich mein altes Stahlrad aus dem Keller, um mich zu wehren. Der erste Ausflug ging über acht Kilometer, dann erbrach ich mich. Aber langsam ließ sich das steigern. Die Krankheit wurde Stück für Stück diagnostiziert und kuriert, übrig blieb eine Mitochondriopathie. Die Luft war mir schon immer knapp gewesen, meine Mutter lebt mittlerweile mit einer Sauerstoffflasche, meine Sauerstoffsättigung ist nicht gut. Ich fuhr weiter, weil es hilft. Aus 20 Kilometern wurden 50, nach zwei, drei Jahren waren es Einheiten von 100 und mehr.

Richtig ernst wurde es dann vor drei Jahren, als ich den Maler Torben Giehler auf einer Vernissage kennenlernte. Er hatte in Berlin den Peloton Cycling Club gegründet, weil er zum ewigen Feiern der Künstler einen Ausgleich brauchte, und fragte, ob ich auch wochentags früh könnte. Konnte ich nicht, machte es aber trotzdem. Es tat meiner Arbeit gut, meinem Schlaf, meinem Sozialleben. Ich schaffte ein Carbonrad an. Auf Teilnahmen am Berliner Velothon mit ordentlichen Ergebnissen folgten Sonntage mit Giehlers Peloton und der immer lässigen Gruppe um den Radbauer Florian Speicher. Wir fuhren 160, 200 oder 250 Kilometer, und meine Erholungszeiten wurden immer kürzer.

Im Flachen mittlerweile schnell und gerne auch mal einen Sprint gewinnend, wurde ich an jeder kleinen Steigung abgehängt. Das bohrte. Ich war kein kompletter Fahrer. Drei Tage im Radcamp in Sölden konnten das bestätigen, zeigten aber auch: Fahren hilft. Immer war es der Körper, der rief. Ich habe mich, abgesehen von Intervallen im Grunewald, nie gequält, und es brauchte in diesem Sommer nur den Hinweis von Teamkollege Arnd Lettmann aus Hamburg, bei der Haute Route in den Pyrenäen seien noch Plätze frei. Es war nicht der Berg, der rief, sondern mein Körper. Aber ob ein paar tausend flache Kilometer sowie eine Woche tägliches Pusten an den virtuellen Steigungen auf der Rolle, Baumwollwindeln um den Kopf, ausreichend helfen würden? Was fehlte, waren die Berge. Teamkollege Daniel Hesse aus Zürich brachte jedenfalls 82 000 Höhenmeter mit zur Haute Route, und wie das Leichtgewicht Lettmann glaubte er kaum, dass das gut gehe.

Etwas bange reiste ich nach Barcelona und ließ mich bei der Ankunft auch gleich einschüchtern: Unter den knapp 400 Fahrern und Fahrerinnen, die aus Europa, Brasilien, den Vereinigten Staaten, Japan oder Australien angereist waren, fühlte ich mich ungewohnt übergewichtig – mit 74,8 Kilogramm und einer Körpergröße von 180 Zentimetern. War da zudem soviel Aggressivität in ihren Blicken oder doch dieselbe Unsicherheit? Als der Rennleiter sich die Bemerkung leistete, wir seien zwar keine Profis, aber doch nah dran, klärte sich das auf: Er erntete gelöstes Gelächter.

Als ich drei Tage später nicht wie empfohlen langsam durch die Ebene vor dem Col du Port de Balès gleite, sondern dank meiner Qualitäten als Rouleur und der guten Zusammenarbeit mit Matthias Koppe aus Hamburg, Startnummer 555, Spitzname Locke, mit 40 bis 50 Kilometern pro Stunde gute Minuten herausfahre, ohne in die Säure steigen zu müssen, liegt Barcelona und das kurze Bad im handwarmen Mittelmeer schon viele unvergessliche Landschaftsbilder hinter uns. Die täglich zugesagte 28er Kassette ist noch nicht zu bekommen, aber für den nächsten Tag definitiv versprochen. Also gilt es, den Port de Balès zu überstehen, und er beginnt tatsächlich freundlich. Wir fahren durch Wald, und ich bin guter Dinge, bis ein Kilometer mit über 12 Prozent Steigung mir schon in der ersten Hälfte einen Treffer verpasst. Ein achtzigjähriger Franzose rollt mit seinem rostigen Stahlrad von seinem Grundstück, fährt ein Stück mit mir und verrät zahnlos, dies sei das steilste Stück, oben werde es besser. Aber dank der albernen Übersetzung fahre ich mir in der nächsten Stunde richtig einen in den Schuh. Diese Qual ist eine Dummheit, und oben, wo keine Bäume mehr sind, fährt der größte Teil des Feldes mit leichten Gängen und vergleichsweise rundem Tritt an mir vorbei.

Wie in den Tagen zuvor hole ich auf der Abfahrt verlorene Zeit wieder auf. Ich liebe diese Schussfahrten und engen Kehren, je technischer desto besser, und wie meist finde ich einen Partner, der diese Leidenschaft teilt. Man kann sich dann abwechseln, wer müde im Kopf ist, geht ein paar Minuten nach hinten. Die 100 Kilometer pro Stunde knacke ich zwar nicht, Strava macht aus den 88, die der Computer anzeigt, aber immerhin großzügig 94, und in Luchon bedankt sich mein Abfahrtspartner: Eine Geste, die bei der Haute Route für jede Kooperation gespendet wird. Man hält zusammen, und wir plaudern noch in der Ortsdurchfahrt, bis der dritte Berg des Tages vor mir erscheint wie ein Rätsel. Es kommen 8 Prozent, 10, 13, 14. In 1860 Metern Höhe empfängt mich ein mit Schnee bedeckter Gipfel bei endloser Sicht unter ungetrübtem Himmel, ohne dass ich viel davon hätte. Ich vernehme meinen Namen aus einem Lautsprecher, als rollte ich nicht lediglich in meiner Einbildung über die Linie, nachdem auch oben von Abflachung nichts zu spüren gewesen war, weil immer wieder 10 Prozent und mehr aufgerufen wurden.

Leichtgewicht Lettmann, der schon mal wegen eines Schmetterlings anhält, um Fotos zu machen, und immer gleich aussieht, hatte auf mich gewartet. Er nimmt hin, dass ich nicht sonderlich gesprächig bin, und wir rollen den Berg hinunter nach Luchon. Im Renndorf werfe ich dem Mechaniker ein paar Unfreundlichkeiten an den Kopf, er hat die Kassette wieder nicht besorgt. Ich beschließe weniger zu essen, weil der Anblick der Mahlzeiten Übelkeit verursacht, und rede mit dem Zimmernachbarn wegen der Bettruhe. Er nickt.

Am vierten Tag ist Königsetappe. Den Peyresourde fahre ich als einer der Letzten an, fest entschlossen, oben aufzugeben. Unterwegs treffe ich Annie Martin aus Melbourne, die mir am Vortag im Hotel mit Haferflocken ausgeholfen hatte. Wir kommen ins Gespräch und fahren so langsam, dass man kein Rennen mehr vermutet. Auch sie hält sich an ihrem Rad fest wie Ismael an der letzten Planke seines Walfängers, nachdem Moby Dick ihn getroffen hatte. Irgendwann sind wir in der Sonne, wir waren auch an diesem Tag wieder vor ihr aufgebrochen, und oben angekommen geht es mir besser. Zudem gibt es wirklich keinen Grund, eine Abfahrt auszulassen. Auf dem Col d’Azet treffe ich Daniel Hesse aus Zürich, der mit den 82 000 Höhenmetern in den Beinen. Wie immer lacht er, dann nennt er mich ein zähes Miststück. Logisch, dass man den Aspin danach nicht einfach weglässt und den Tourmalet noch mitnimmt, zwei sagenumwobene Riesen der Pyrenäen.

Zumal danach Ruhetag ist, wie das Bergzeitfahren nach Hautacam bezeichnet wird. Nach einer guten Nacht im bezaubernden Radsportmekka Argelès-Gazost, zu der nach dem Ritzel – endlich ein 28er! – auch der Zimmernachbar gewechselt hatte, störe ich mich nicht daran, dass wir mit abgezählten Sekunden vom Podest abfahren, obwohl keiner eine Zeitfahrmaschine hat und die Zeit eh erst drei Kilometer später genommen wird.

Am Nachmittag stellt sich das erste Mal ein, worum es mir ging: die Wunschlosigkeit. Lange liege ich auf dem Bett, glücklich über meinen Körper, der nichts möchte, als hier genauso sein wie er jetzt ist. Ich weiß, wie es ist, im Aufstieg eins zu sein mit der Luft, der Erde, dem Licht und meinem Kreislauf, ich habe die Gier bergab genossen, diese Gewissheit, alles haben zu können, alles auf einmal, und zu wissen, wie vergänglich das ist, dass das alles nur einmal ist, genau jetzt.

Diesem Glück folgen noch zwei Tage, während denen ich auf den vergleichsweise flach auslaufenden Etappen meine Stärken ausspielen kann. Erstaunlich, was der Veranstalter an Sicherheit bereitstellt: Wann immer wir eine größere Gruppe sind, ist ein Motorrad zur Stelle, das vorfährt und die Autos stoppt. Dass es dennoch Unfälle und Kollapse gibt, gehört wohl dazu. Immerhin kommt diesmal niemand ums Leben. Bleibt in Biarritz noch der verdiente Sprung in den Atlantik. Und 2014. Vielleicht wird ja noch ein kompletterer Radfahrer aus mir.

 

 

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